Presse und Konzertkritiken

23.03.2014 I Klavierkonzert
Eugéne Mursky

Konzertkritik von Werner Langrock, Berlin
Am 23. März 2014 konnten die Pianowerke im wieder gut besuchten zweiten Konzert
den aus Usbekistan stammenden und seit 1993 in Deutschland lebenden Pianisten vorstellen.
Mursky ist mehrfacher Preisträger und konzertiert in Europa, den USA und auch im Fernen Osten. Den Veranstaltern der neuen Konzertreihe sowie dem künstlerischen Leiter Ulugbek Palvanov – selbst ein großartiger Pianist – gebühren Dank und Anerkennung, Eugéne Mursky für diesen Musiknachmittag der Sonderklasse gewonnen zu haben.
Mursky spielte zunächst vier Nocturnes von Chopin. Und hier sei erwähnt, dass man die vom Komponisten gewählten Werkbezeichnungen lieber nicht wörtlich nehmen sollte. So sind die
als „schwarze Perlen“ bezeichneten 4 Scherzi alles andere ls scherzhaft, eher wohl Ausdruck
einer zerrissenen Seele. Und die Nocturnes sind eben nicht nur besungene Liebesnächte,
sondern auch die Melancholie des sterbenden Tages, doch es regiert auch eine fast kosmische Frömmigkeit, und nicht zu vergessen ist as Aufbegehren, das Dämonische, das sich in einigen Nocturnes besonders in den Mittelteilen entwickelt. Eugéne Mursky hat das mit innerer Teilnahme und perfekter Anschlagskunst hörbar, besser wohl erlebbar gemacht.

Nach den Nocturnes spielte Mursky Beethovens „Appassionata“, die der Komponist angeblich
für seine beste Sonate hielt. Man kann dieses Opus aus verschiedenen Gründen mit der fünften Sinfonie („Schicksalssinfonie“) vergleichen. Beide Werke sind geprägt von einem vollkommenen Gleichgewicht zwischen Form und Inhalt, und beide Male wird das Schicksal tief und unheilvoll beschworen.
Mursky ist sich der Tatsache sicher, daß Beethovens Musik ein Muster kompositionslogischer Intelligenz ist, und so durchleuchtet er das Werk wie im Teleobjektiv, ohne aber, um im selben Tenor zu bleiben, den Weitwinkel zu übersehen. So war die Interpretation dieser großartigen
Sonate klar, logisch und technisch ohne Makel, doch auch das Innige, die Sehnsucht und
das Leid der Welt schienen dem Flügel zu entströmen. Der Schlussteil war dann von entfesselter Wildheit, grandios, vollendet. Um Beethoven selbst zu zitieren: Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen, ganz niederzwingen soll es mich nicht!
Mit viel Beifall wurde Murskys Spiel bedacht, und fast ein wenig erschöpft ging man in die Pause.

Der Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgskij verdankt sein Entstehen
einem traurigen Ereignis: 1874 verstarb plötzlich sein Freund, der Maler Victor Hartmann.
Eine Ausstellung seiner Werke war für Mussorgskij das Motiv für den Zyklus, im dem er seine Empfindungen Musik werden ließ, die Hartmanns Bilder und die Freundschaft zu ihm geweckt hatten. Mursky nahm sich dieser auch eigenwilligen Musik mit einer Art intelligenter Leidenschaft an. Das Leitmotiv – vom Komponisten Promenade genannt – verbindet die verschiedenen
Nummern, und Mursky tönte die Varianten sorgfältig ab. So ist die „Promenade“ das Bindeglied
vom Ganzen zum jeweiligen Einzelbild, und das ist Mursky bemerkenswert gut gelungen.
Bei den auch alle virtuosen Fähigkeiten verlangenden Stücken schien der Pianist mit sichtbarer Freude dem Flügel mitzuteilen, wer hier das sagen hat. Da perlen Stakkatonoten über die Tasten, Oktavketten donnern, und Akkordblöcke lassen fragen, ob denn hier überhaupt die zehn Finger
des Künstlers ausreichen. Mursky hat die wundersamen Bilder einer Ausstellung in einem großen Bogen dargestellt, virtuos brillant, mit Herz und ausgeprägtem Sinn für klavieristische Klangfarben.

Das Publikum bedankte sich begeistert und der Künstler mit einer Zugabe: Ein Walzer von Chopin im überschnellen Tempo. Aber das ist ja das Zeichen unserer Zeit.
Doch man kann nicht verbergen, dass das trotzdem Spaß macht.

<< Presse / Konzertkritik